Die Musiktheorie als Teil der Musikwissenschaft

Ein bischen Geschichte für die Interessierten unter Euch

 

Die Musiktheorie ist eine Teildisziplin der Musikwissenschaft. Ihr Ziel ist es, Gesetzmäßigkeiten und Erscheinungsformen der Musik zu erkennen und zu erfassen, um sie zu lehren. Sie schafft so die wissenschaftlichen Grundlagen für musikalisches Schaffen. Zu ihr zählen die Harmonielehre, die musikalische Analyse, der Tonsatz mit Kontrapunktlehre, die Formenlehre sowie Generalbass/Partimento. Die moderne Musiktheorie entwickelte sich im 18. Jahrhundert, ihre Ursprünge sind jedoch viel älter.

Schon im Griechenland der Antike setzten sich Gelehrte mit der Musik auch theoretisch auseinander. Die Griechen untersuchten Tonsysteme und deren Ausformulierung. Sie beschäftigten sich mit verschiedenen Tonhöhen und führten Diskussionen über Charakter und Ethik von Musik. Einer der Vorreiter soll der griechische Philosoph Pythagoras von Samos sein, der in einer Schmiede den Wohlklang mehrerer gleichzeitig klingender Hammerschläge erkannte. Dies inspirierte ihn zu Experimenten mit einer schwingenden Saite auf dem Monochord. Dabei entdeckte er die Grundlage für die Beschreibung von Intervallen in der Musik. Die Griechen entdeckten mathematische und physikalische Gesetzmäßigkeiten beim Musizieren, die auch für die Musiktheorie späterer Epochen von Bedeutung waren.

Im frühen Mittelalter entstand die Mehrstimmigkeit in der Musik. Damit änderte sich das Verhältnis praktischer Musik zur Theorie grundlegend. Waren die Theoretiker in der Antike meist praxisferne Philosophen und andere Wissenschaftler, verschmolz die Theorie im Mittelalter mit der Praxis immer mehr. So gab es nun Komponisten, die Wissenschaft und Praxis in Personalunion betrieben. Im Ergebnis entstanden wissenschaftlich begründete Kompositionstheorien. Ein wichtiger Vertreter war Pérotin, der als wichtigster Komponist der Notre-Dame-Epoche (etwa 1160 bis 1250) gilt. Sein Verdienst ist die Weiterentwicklung des zweistimmigen gregorianischen Gesangs seines Vorgängers Léonin zu einem drei- und später vierstimmigen Gesang. Die bisherige freie Rhythmik des Chorals war nicht mehr anwendbar und musste neuen Rhythmusmodulen weichen, die Modalrhythmik entstand. Im 18. Jahrhundert entstand die heute bekannte Musiktheorie. Die Musikwerke erhielten eine immer größere Komplexität, was zum Entstehen von Teildisziplinen wie der Harmonielehre führte. Heute ist die Musiktheorie ein Bestandteil der Musikpädagogik.

Wie bereits eingangs erläutert, besteht die Musiktheorie aus mehreren Teildisziplinen, die meist im 18. und 19. Jahrhundert entstanden. Die Harmonielehre beschäftigt sich mit dem Zusammenklang mehrerer Töne. Sie wurde von Jean-Phillippe Rameau im Werk „Traité de l`harmonie“ 1722 ausführlich beschrieben. Die Harmonik spielte allerdings schon in der Antike eine wichtige Rolle, als sich die Gelehrten mit den Tonsystemen beschäftigten. Heute geht es um die Stilistik des Zusammenklangs von Tönen. Die Lehre beschäftigt sich mit dem Gestalten von Akkorden und der Erzeugung eines tonalen Klangraumes. Aus der Harmonielehre entstanden Anleitungen für die richtige Anwendung von Klangverbindungen. Die Harmonielehre soll dabei Klänge zu musikalisch logischen Folgen verbinden. Auch für die heutige Musik bleibt die Disziplin wichtig. Grundkenntnisse erfordern beispielsweise die populäre und die Jazzmusik.

Eine weitere Disziplin der modernen Musiktheorie ist die Musikanalyse, welche ein Werk aus verschiedenen Blickwinkeln untersucht. Die Analyse kann dabei unter vier Aspekten erfolgen. Wird der Aufbau einer Komposition untersucht, spricht die Wissenschaft von einer formalen Analyse. Sie ergründet die künstlerische Absicht, die der Komponist bei der Schaffung seines Werkes hatte. Auch die Qualität des Werkes tritt zutage. Die Analyse erfolgt anfangs grob und konzentriert sich später auf einzelne Elemente wie Themen. Takte oder Motive. Ziel dieser Analyseweise ist, dass Details nicht die Gesamtaussage des Werkes in den Hintergrund treten lassen. Ergebnis der formalen Analyse ist, die korrekte dramaturgische Interpretation, die das Auswendiglernen eines Musikstückes deutlich erleichtert. Es lassen sich darüber hinaus Harmonien, Rhythmen und Motive analysieren. Die Musikanalyse ist wichtiger Bestandteil des Musikunterrichts in der Schule. Sie soll Schüler dazu bewegen, sich mit Musik auseinanderzusetzen und so einen besseren Zugang zu dieser Kunst ermöglichen.

Der Tonsatz beschäftigt sich mit der Anordnung von Noten in mehrstimmigen Werken. Für das Musikstudium ist die Satzlehre als Handwerkszeug für das Komponieren und Arrangieren wichtig. Tonsätze spielen bei unterschiedlichen Besetzungen eines Musikstückes eine wichtige Rolle. Handelt es sich um ein Vokalstück oder ein Instrumentalstück? Wurde das Werk für einen Chor oder ein Orchester komponiert oder arrangiert? Die entsprechenden Besonderheiten im Klang und Spieltechnik berücksichtigt der Tonsatz. In der Harmonielehre gibt es einen "strengen Tonsatz", der allerdings in der Komposition kaum Verwendung findet. Neben der Harmonielehre gehört zum Tonsatz der Kontrapunkt, der einer Stimme eine Gegenstimme entgegenstellt. Beide Stimmen bewahren dabei ihre Eigenständigkeit und werden erst durch ihre Verbindung zu einer Harmonie. Während eine Harmonie vom Akkord ausgeht, ist für den Kontrapunkt der Intervall entscheidend. Er symbolisiert den Abstand zweier Töne. Es gibt dissonante Intervalle, die eher anspannenden klingen, während konsonante Intervalle in sich ruhend wirken.

Die Formenlehre beschäftigt sich mit dem inneren Aufbau eines Musikstückes. Die Teildisziplin der Musiktheorie untersucht Gestaltungsmuster eines Werkes und stellt Kriterien für die Musikanalyse bereit. Jede Epoche hatte spezifische Formen, die teilweise aber auch epochenübergreifend zu registrieren waren. Im Mittelalter ist neben dem gregorianischen Gesang der Minnesang eine Form. Neben Tänzen und Maskenspielen entwickelte sich in der Renaissance das Musikdrama, das heute als Vorläufer der Oper gesehen wird. In der Klassik waren Sonaten und Sinfonien gängige Gattungen. Die Moderne brachte beispielsweise Jazz oder die Popmusik hervor. Die Formenlehre lässt eine Gliederung in Bühnenmusik, Orchestermusik, Kammermusik, Vokalmusik, Tanzmusik und Klaviermusik zu.

Der Generalbass dient als Grundlage für die Musik des 17. bis 19. Jahrhunderts. Er fand besonders in der Barockzeit Anwendung und stellt die durchlaufende Basslinie eines Stückes dar. Nach ihr improvisieren die Musiker harmonische Füllstimmen und -akkorde.

Bei der Lehre der Instrumentation geht es um die Verteilung verschiedener Stimmen eines Musikwerkes auf einzelne Instrumente. Bei einer Komposition für Orchester handelt es sich um eine Orchestration. Die Musiktheorie spricht von der Instrumentationslehre. Ein Beispiel für eine Entscheidung über die Instrumentation ist, ob in einer Sonate für Violine das Streichinstrument die Hauptstimme gibt und das Klavier begleitet oder umgekehrt. Große Bedeutung für die richtige Instrumentation haben Satztechnik und Stimmführung. In der neueren Musikgeschichte wird unter Instrumentation die Bearbeitung eines Werkes für eine alternative Verteilung der Instrumente verstanden. Dies trifft beispielsweise zu, wenn ein ganzes Orchester eine Klaviersonate aufführt. Für die Instrumentation gibt es verschiedene Ansätze. So können einzelne Instrumente bereits bei der Komposition feststehen. Das Cellothema in Beethovens 3. Sinfonie könnte bereits sehr zeitig festgestanden haben. Auf der anderen Seite steht ein Particell, bei dem das Musikstück ohne fertige Partitur entsteht. Die verschiedenen Stimmen skizziert der Komponist nur mit wenigen Notensystemen. Die Partitur entsteht später bei der Ausführung des Musikstückes. Prominentes Beispiel ist Richard Wagner, der seinen Parsifall in zwei Jahren komponierte. Für die Instrumentation nahm er sich dann noch mal drei Jahre Zeit. Eine besondere Form ist die Orchestration einer Filmmusik, bei welcher der Komponist dem Arrangeur Instrumentationswünsche liefert. Dieser setzt die Wünsche dann so um, dass die Musik möglichst effektvoll mit den Bildern im Einklang ist.

Für das Erlernen der Instrumentation benötigen Komponisten und Arrangeure gute Kenntnisse der Instrumentenkunde. Wichtig ist das Erkennen einzelner Klangfarben und ein gutes Gespür für die Kombination der Klänge verschiedener Instrumente. Außerdem müssen die Meister auf die physische Leistungsfähigkeit der Musiker achten. Bläser benötigen beispielsweise regelmäßige Pausen. Sie ermüden sonst leicht, was der Qualität der Ausführung und damit dem Genuss des Werkes abträglich wäre.

Die Instrumentenkunde beschäftigt sich mit der Dokumentation und Lehre über Musikinstrumente. Dazu gehört auch die Klassifizierung der Instrumente, die wahrscheinlich ihren Ursprung im 23. Jahrhundert v. Chr. in China hatte. Heute werden in Europa grob Saiteninstrumente, Blasinstrumente und Schlaginstrumente unterschieden. Darüber hinaus beschäftigt sich die Instrumentenkunde mit dem Einsatz in musikalischen Werken. Neben dem Aufbau von Instrumenten spielen die Klangeigenschaften eine Rolle.

Eine weitere Disziplin sind die Arrangements, welche Musik durch gestalterische Mittel verändern. Die Bearbeitung erfolgt für einen bestimmten Zweck, beispielsweise um das Werk mit einem bestimmten Orchester aufführen zu können. Neben dieser Orchestrierung sind Adaptionen, Medleys oder Transkriptionen denkbar. Die Bearbeitungen können dabei gegenüber dem Original einen unveränderten, aber auch einen neu zusammengestellten Ablauf mit musikalischen Überleitungen (beim Medley) haben. Manchmal nehmen die Originalkomponisten neue Arrangements vor. Klassische Werke verlangen heute die originalgetreue Wiedergabe, weshalb dort Arrangeure nicht anzutreffen sind. Anders ist dies bei modernen Formen wie dem Jazz, der Pop- und der Rockmusik. Arrangements sind aber keinesfalls Erfindungen der Neuzeit. Schon im 19. Jahrhundert wurden klassische Werke neu arrangiert. Arrangeure haben eine große Auswahl an Gestaltungsmöglichkeiten. Auf musikalischer Seite gehören beispielsweise die Besetzung der Instrumente, die Melodik, die Harmonie oder der Rhythmus dazu. Auch das Tempo kann ein Arrangement verändern. Auf der anderen Seite gibt es technische Möglichkeiten, musikalische Werke zu verändern. Echos und andere Halleffekte, neue Sounds und die Abmischung sind einige Optionen eines Tonstudios. Große Bedeutung kam dem Arrangement erst im 20. Jahrhundert zu. In der Jazzmusik gehört es zum Alltag. Der erste berühmte Arrangeur lebte allerdings im 19. Jahrhundert. Johann Strauss (Sohn) komponierte allein über 500 Walzer, Polkas und Märsche. Dazu kamen eine Oper und ein Ballett sowie 15 Operetten. Das reichte ihm nicht, weshalb er zusätzlich über 500 fremde Kompositionen arrangierte. Darunter war beispielsweise mit
„Widmung“ ein Lied von Robert Schumann. Arrangements unterliegen meist dem Urheberrecht und benötigen deshalb die Einwilligung der Originalkomponisten.

Ebenfalls zur Musiktheorie gehört die Partiturkunde. Die Partitur verwendet der Komponist für ein mehrstimmiges Musikstück. Sie zeigt übersichtlich alle Stimmen mit ihrer Wirkung auf das Gesamtwerk. Sie sind so angeordnet, dass Noten und Takte im Zusammenklang übereinander dargestellt werden. Die Partitur dient als wichtige Hilfe für den Dirigenten. Sie enthält Hinweise zum Tempo und zur Dynamik. Außerdem gibt sie Anweisungen zum Spiel eines Instruments. Für die Partitur gibt es genaue Regeln für die Anordnung. Die Stimmen eines Chores sind von oben nach unten wie folgt angeordnet: Sopran, Alt, Tenor, Bass. Gibt es einen zweiten Chor, werden dessen Stimmen darunter angeordnet. Die Anordnung der Orchesterpartitur folgt einem Prinzip, das Carl Maria von Weber durchsetzte. Er fasste Instrumente der gleichen Gattung in Gruppen zusammen und setzte von oben nach unten auf die Reihenfolge Holzblasinstrumente, Blechblasinstrumente und Schlaginstrumente. Danach folgen die Streicher. Eine Partitur enthält häufig eine genaue Besetzungsvorgabe für das Orchester.

Gehörbildung ist Teil der Musikbildung. Sie schult das Gehör, musikalische Werke zu analysieren und Merkmale von Kompositionen zu erkennen. Diese Fähigkeit benötigen Konzertmusiker und Dirigenten. Auch Musikwissenschaftler und -lehrer kommen ohne Gehörbildung nicht aus. Zur Hörerziehung gehört darüber hinaus das Solfeggio, eine Tonlehre. Es befähigt Musiker, eine Partitur zu spielen und ist Teil des Musikunterrichts. Es soll schon im 11. Jahrhundert für die Gesangsausbildung von Klosterknaben genutzt worden sein.

Die Akustik ist die Lehre vom Schall. Sie ist ein interdisziplinäres Fachgebiet und hat große Auswirkungen auf den Klang eines Musikwerkes. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Akustik begann wahrscheinlich schon im 3. Jahrtausend v. Chr. in China. In Europa spielte sie bereits in der Antike beim Bau von Amphitheatern eine große Rolle. Die musikalische Akustik ist in zahlreiche Bereiche unterteilt. Darunter befinden sich die Akustik verschiedener Instrumente oder die Musikpsychologie. Die Raumakustik spielt beim Bau oder der Renovierung von Konzerthäusern eine wichtige Rolle.

Die Festlegung der Frequenzen von Musikinstrumenten wird in der Musik Stimmung genannt. Über den Abgleich einer definierten Frequenz wird die absolute Tonhöhe festgelegt. Mit dem Kammerton lassen sich viele Blasinstrumente stimmen. Bei Saiten- und Tasteninstrumenten müssen außerdem die Frequenzverhältnisse zwischen den Tasten und Saiten eingestellt werden.

Die beschriebenen Themengebiete der Musiktheorie greifen oft ineinander. Die sorgen für ein besseres Verständnis für die Wirkung von Musik. Musiktheorie ist deshalb Bestandteil der Studiengänge an Musikhochschulen.